Der Mordfall „Schwarze Dahlie“

Es gibt Mordfälle, die bis heute eine ungebrochene Faszination ausüben. Sei es, weil sie extrem grausam waren, nie aufgeklärt wurden oder weil beides zutrifft. Auch der Mord an Elizabeth Short, die später wegen ihres Erscheinungsbildes den Beinamen »Schwarze Dahlie« erhielt, ist einer dieser Fälle.

Fakten zum Mord an der »Schwarzen Dahlie«

 

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Die Schwarze Dahlie Elizabeth Short.

Die 18-jährige Elizabeth Short folgte ihrem von der Familie getrennt lebenden Vater Ende des Jahres 1942 nach Kalifornien, um mit ihm zu leben. Schon bald kam es zu einem Zerwürfnis zwischen den beiden, Elizabeth zog aus und schlug sich mit diversen Jobs durchs Leben. Ihr großer Ehrgeiz war, Schauspielerin zu werden, doch der Weg dorthin war nicht leicht für eine junge Frau. Ihr Lebensstil war das, was man damals als »leichtfertig« bezeichnete: Sie hatte diverse männliche Freunde und trank Alkohol. Das berühmte Polizeifoto von ihr wurde aufgenommen, als man sie wegen Alkoholkonsums minderjährig verhaftete.

Am 9. Januar 1947 kehrte sie zusammen mit dem verheirateten Handlungsreisenden Robert »Red« Marley von einem Aufenthalt in San Diego nach Los Angeles zurück. Sie gab an, ihre Schwester im Biltmore Hotel treffen zu wollen, also setzte er sie angeblich dort ab. Angestellte des Hotels bezeugen, dass sie sich im Hotel aufhielt.

Sechs Tage später fand eine junge Mutter mit Kind die zerstückelte und nackte Leiche auf einem unbebauten Grundstück. Die Frau hielt den in zwei Teile geschnittenen Leichnam zunächst für eine Schaufensterpuppe, bevor sie die Polizei alarmierte.

Das Ergebnis der Autopsie zeigte, dass Elizabeth Short gefesselt und vermutlich auch vergewaltigt worden war. Ihr Geschlecht und ihre Brüste waren verstümmelt worden, und der Täter hatte ihr die Mundwinkel weit ins Gesicht hinein zu einem sogenannten »Glasgow Smile« aufgeschlitzt. Nach ihrem Tod war ihr Körper in der Körpermitte geteilt worden.

Ein Mythos entsteht

Schon in der ersten Zeit der Ermittlungen gab es Unmengen falscher Geständnisse und anonymer Briefe. Die Suche der Polizei lief ins Leere, obwohl es zahlreiche Verdächtige gab, allein schon aufgrund der, wie man es empfand, Promiskuität der Getöteten.

Elizabeth Short, die Schwarze Dahlie
Elizabeth Short, die Schwarze Dahlie

Die Presse schlachtete den Mord gründlich aus, und schnell taufte man Elizabeth Short aufgrund ihres schwarzen Haars und ihrer stets schwarzen Kleidung »Schwarze Dahlie«. Ihr Wunsch, sich in Hollywood einen Namen als Schauspielerin zu machen, und ihre Leichtlebigkeit trugen sicher zur Entstehung des Mythos bei, der selbst nach mehr als 60 Jahren immer noch existiert. Die Faszination für den grausigen Mord kann vielleicht nicht ganz mit dem Sog mithalten, den die Taten von Jack the Ripper entwickeln, aber in den USA ist der Mord an Elizabeth Short immer noch eines der Verbrechen, um das sich die meisten Legenden ranken. Als sexuell aktive und ausnehmend attraktive Frau, der auch Beziehungen zu Frauen nachgesagt wurden, uferten die Gerüchte immer mehr aus. Selbst der Zustand des Leichnams erfuhr im Laufe der Zeit weitere, zum Teil sehr grausige Veränderungen, die nicht im Autopsiebericht belegt sind.

Berühmt, berüchtigt und verdächtig

Der paranormale Krimi "Fluch der Schwarzen Dahlie" von Natalie Winter.
Der Mordfall „Schwarze Dahlie“ wurde nie gelöst.

Da wird Orson Welles als Verdächtiger gehandelt, obwohl die junge Frau

erwiesenermaßen trotz ihrer Ambitionen keinerlei Verbindung zu Hollywood hatte. Der Folksänger Woody Guthrie geriet unter Verdacht, als er einer Frau Zeitungsausschnitte und verstörende Mitteilungen sandte. Eine weitere Berühmtheit der 1940er Jahre, die als potenzieller Täter im Bewusstsein geblieben ist, war Bugsie Siegel. Wie in den anderen beiden Fällen, in denen eine Berühmtheit der Tat verdächtigt wurde, gab es keinerlei Beweis, dass der jüdische Gangsterboss Elizabeth Short jemals kennengelernt hatte.

Selbst in den letzten Jahren gab es – auch dies eine Ähnlichkeit zu den Ripper-Morden – immer wieder sensationelle »Enthüllungen«. 1990 behauptete Janice Knowlton, sie habe ihren Vater George Knowlton bei der Ermordung von Elizabeth Short beobachtet. Gemeinsam mit einem Ghostwriter brachte sie ein Buch namens »Daddy Was The Black Dahlia Killer« heraus. Eine weitere ihrer Behauptungen war, dass das Los Angeles Police Department Teil einer Verschwörung war, die sich die Vertuschung zum Ziel gesetzt hatte.

Aber sie war nicht die Einzige, die einen toten Vater des Mordes anklagte und anschließend daraus Profit schlug. 2003 klagte Steve Hodel seinen Vater Dr. George Hill Hodel Jr. in dem Buch mit dem reißerischen Titel »Black Dahlia Avenger; A Genius for Murder« der Tat an. Es folgten weitere Veröffentlichungen, in denen Steve seinen Erzeuger auch noch zum »Zodiac Killer« erklärte.

Die Auswirkungen des Verbrechens reichen bis in die Gegenwart

Bis heute bleibt der Dahlienmord ein faszinierendes Rätsel, wie man an den zahlreichen Veröffentlichungen und künstlerischen Verfremdungen sieht. Unter all den Werken, die der Tod von Elizabeth Short hervorgebracht hat, ist das berühmteste sicher der Krimi von James Ellroy, der auch verfilmt wurde. Eines meiner ersten Computerspiele drehte sich um die Schwarze Dahlie und eine gigantische Naziverschwörung; sie hat einen Auftritt in der ersten Staffel von »American Horror Story«, und es gibt sogar eine Band, sie sich nach ihr benannte.

Und nun auch noch ein paranormaler Krimi – der »Fluch der Schwarzen Dahlie«

Shifter Cops 2
Shifter Cops 2: Fluch der Schwarzen Dahlie von Natalie Winter

Für mich war es eine Gratwanderung, den Tod von Elizabeth Short als Ausgangspunkt für einen neuen Fall der Shifter Cops zu verwenden. Zum einen wollte ich mich nur ungern in die Reihen derer begeben, die sich an einem beispiellos grausamen Mord bereichern und zum Leichenfledderer werden; zum anderen war da diese Idee vom Geist der Schwarzen Dahlie, die mir einfach keine Ruhe mehr ließ.

Die schwierige Ausgangssituation wurde mir vom Dryas Verlag deutlich erleichtert, weil sich im Verlagsprogramm keine bluttriefenden Krimis finden und ich damit größtenteils auf die Auflistung der grausigen Details verzichten konnte. Das Gefühl, nicht die Sensationsgier der Leser zu befriedigen, sondern mit dem „Fluch der Schwarzen Dahlie“ eine eigene Geschichte zu erzählen, war der ausschlaggebende Punkt. Von allen Einzelheiten habe ich einzig diejenige verwendet, die in mir den größten Eindruck hinterlassen hat, nämlich das »Glasgow Smile«. Die Entstellung des Gesichts durch das an einen Horrorclown erinnernde künstliche Lächeln ist eines der Dinge, die mir als postume Verhöhnung von Elizabeth Short am deutlichsten im Gedächtnis geblieben ist.

Auch die Tatsache, dass nicht die Schwarze Dahlie, sondern Cara de Luca und der Shifter Cop Ryder Grey im Mittelpunkt des paranormalen Krimis stehen, machte mir das Schreiben leichter. Am Ende blieb aus all den Büchern über den Mordfall, die ich im Vorfeld gelesen habe, nur wenig, was im Roman Eingang fand. Da wäre beispielsweise das Gerücht, das L.A. Police Department sei durch und durch korrumpiert, aber auch die Frage nach der Weise, in der die Sexualität Elizabeth Shorts von ihrer Umwelt wahrgenommen wurde. Meine Hauptfigur Cara de Luca ist ein Sukkubus und ernährt sich von der Energie, die beim Sex freigesetzt wird. Daraus ergeben sich eine Menge Anknüpfungspunkte, beispielsweise die Frage danach, wie Cara selbst zu dieser Art der Ernährung steht oder wie sie von anderen Menschen und Paranormalen wahrgenommen wird.

Insbesondere die letzte Frage führte zu einem schwierigen Ende. Ich wollte Cara nicht das nehmen, was ein Teil ihres Wesens ist und was ihre Mutter, die Patin der paranormalen Mafia von L.A., schon lange praktiziert, nämlich Sex als Mittel zum Überleben. Andererseits war da Ryder Grey, der Shifter Cop und Werwolf. War seine Liebe zu Cara groß genug, um zuzusehen, wie sie mit anderen Männern schlief? Am Ende fand ich eine Lösung, die mich sehr zufriedenstellt, von der ich aber vermute, dass sie einigen Leserinnen nicht gefallen wird.

Und damit entlasse ich Sie aus meinem kleinen Bericht über den wahren Hintergrund zum paranormalen Krimi aus dem Dryas Verlag. Lassen Sie uns, den Dryas Verlag und mich, gerne wissen, wie Ihr ideales Ende aussieht und ob Sie mit dem, was meinem Kopf entsprang, zufrieden sind.

PS: Falls Sie nun neugierig geworden sind auf das kurze, traurige Leben von Elizabeth Short, habe ich hier noch eine Leseliste für Sie. Diese Auflistung gilt gleichzeitig als Quellenverzeichnis für diesen Artikel. Viel Vergnügen!

Der deutsche und der englische Wikipedia-Artikel sind gute Ausgangspunkte für einen ersten Überblick:

Sachbücher und Romane (und gelegentlich ein Mix aus beidem) in alphabetischer Reihenfolge

  • Eatwell, Piu: Black Dahlia, Red Rose: The Crime, Corruption, and Cover-Up of America’s Greatest Unsolved Murder
  • Ellroy, James: Die Schwarze Dahlie
  • Glaister, H.D.: Elegy to Elizabeth Short: The Black Dahlia’s Life, Death and Legacy
  • Harrington, Roger: BLACK DAHLIA: The Story of America’s Most Gruesome Murder
  • Hodel, Steve: Black Dahlia Avenger: A Genius For Murder: The True Story
  • Hodel, Steve: Most Evil: Avenger, Zodiac And The Further Serial Murders of Dr. George Hill Hodel
  • Knowlton, Janice: Daddy Was The Black Dahlia Killer: The Identity of America’s Most Notorious Serial Murder – at Last Revealed by Janice Knowlton
  • Wolfe, Don: The Black Dahlia Files: The Mob, The Mogul And The Murder That Transfixed Los Angeles
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Wolfsspur: Kapitel 2

Wolfsspur: Ein Zeitreise Abenteuer für die Shifter Cops
Wolfsspur: Ein Zeitreise Abenteuer für die Shifter Cops

Kapitel 2

Meine Freude darüber, meinem Lieblingsdetektiv bei der Arbeit zuschauen zu dürfen, verflüchtigte sich so schnell, wie sie gekommen war. Lenoire schob seinen wie geleckt wirkenden Teller zu mir und erhob sich. »Wir müssen uns so schnell wie möglich auf den Weg machen. Ich glaube zwar, dass ich meine Verfolger abgehängt habe, aber je schneller wir das Rätsel lösen, desto besser.«

»Dazu sollte ich erst einmal wissen, was genau wir eigentlich untersuchen«, protestierte ich. Ohne es zu wollen, nahm ich sein Geschirr und räumte es in die Spülmaschine. »Außerdem habe ich noch einen Abgabetermin, den ich einhalten muss. Ich kann nicht einfach alles stehen- und liegenlassen, nur weil Sie glauben, dass ich Ihnen nützlich sein werde. Und was ist mit Fidel?« Ich deutete auf meinen Hund. »Ich muss ihn irgendwo unterbringen, wo er gut versorgt wird.«

Er verzog den Mund zu einem verächtlichen Lächeln. Kann dieser dumme Hund sich nicht allein versorgen? Die Frage stand ihm überdeutlich ins Gesicht geschrieben, und das war es, was mich doch noch die Geduld verlieren ließ. Ich würde gerne sagen, dass ich mit einem eleganten Sprung über die Esstheke hinwegsetzte, ihn packte und samt Gepäck hinausbeförderte, aber das entspricht nicht den Tatsachen. Mit meinen knapp 1,60 m Körpergröße und nicht einmal annähernd der Geschmeidigkeit eines Gestaltwandlers musste ich mich damit begnügen, die Theke zu umrunden und Lenoires Arm zu packen. Fidel war aufgesprungen und stand sprungbereit neben mir. Er schaute mich an, als wolle er mir dazu gratulieren, endlich meinen Verstand wiedergefunden zu haben. »Raus hier«, befahl ich dem Pantherwandler. »Ich habe endgültig genug von Ihnen. Sie kommen hierher, stellen Forderungen, essen meine Nudeln, beleidigen meinen Hund und haben noch nicht einmal die Güte, mir etwas zu erklären. Raus«, wiederholte ich noch einmal. Eine bange Sekunde lang zerrte ich vergeblich an ihm. Die stahlharten Muskeln in seinem Arm machten mir deutlicher als jedes Wort, dass er mir körperlich überlegen war. Fidels Knurren hinter mir wurde lauter und tiefer. »Still, Junge«, sagte ich, aber er wurde nicht leiser. Im Gegenteil, er wurde lauter und bellte einmal warnend. Ich drehte mich um und sah, dass er nicht Professor Lenoire fixierte, sondern hinaus in den Garten starrte. Mittlerweile stand er stocksteif da, mit hoch erhobener Rute und gesträubtem Nackenfell. »Was zum Teufel…«, sagte ich und kniff die Augen zusammen. Auch Lenoire schaute hinaus. Und dann sah ich sie: Zwei Männer in Tarnkleidung, die über die mannshohe Gartenmauer kletterten.

»Verdammt«, fluchte der Pantherwandler. »Schnell. Wir brauchen ein Zimmer, möglichste weit oben, das man abschließen kann.« Ich sah noch einmal zu den Eindringlingen hinüber. Einer von Ihnen zog eine Waffe und richtete sie auf uns. Das gab den Ausschlag. »Komm, Fidel«, sagte ich und betete, dass er auf mich hörte und nicht glaubte, mich verteidigen zu müssen. »Dachboden«, erklärte ich Lenoire und rannte voraus. Seine Schritte waren auf der Holztreppe kaum zu hören, aber dafür klang das Tapsen von Fidels dicken Pfoten wie Musik in meinen Ohren. Wir spurteten nach oben. In dem Augenblick, in dem ich die Tür des Dachbodens hinter uns schloss, hörte ich Glas splittern. Erst jetzt fiel mir auf, dass es von hier oben keinen Ausweg mehr gab.

Wir saßen wie die Ratten in der Falle.

»Kommen Sie her«, befahl Lenoire und streckte die Hand nach mir aus. »Wir werden jetzt springen.« Er zog etwas aus der hinteren Tasche seiner schwarzen Jeans, das wie ein ganz gewöhnlicher Blister mit Tabletten aussah.

»Ich dachte«, fing ich an, aber er schüttelte den Kopf.

»Sie wirken besser als ein Spritze und sind leichter zu transportieren. Hier«, er reichte mir eine kleine grüne Pille. »Legen Sie sie unter ihre Zunge und halten Sie sich an mir fest.«

»Was ist mit Fidel?«, verlangte ich zu wissen. Da kamen Männer die Treppe hinauf, mehr als die zwei, die ich im Garten gesehen hatte, und sie gaben sich keine Mühe, ihre Anwesenheit zu verbergen. »Ich werde ihn nicht hierlassen. Auf gar keinen Fall.« Ich streckte meine Hand nach Fidel aus und schloss sie um sein Halsband. Lenoire und ich starrten einander an.

Ein dumpfer Knall ertönte an der Tür. Fidel verharrte an meiner Seite. Mein Herz raste wie verrückt. Lenoire senkte die Lider und streckte die Hand mit der Tablette weiterhin aus. »Sie sind total verrückt. Aber gut. Mir bleibt wohl keine andere Wahl.« Er legte sich selbst eine Pille unter die Zunge. »Halten Sie Ihren Hund fest. Nicht loslassen«, warnte er mich, und endlich tat ich es ihm gleich und deponierte die kleine flache Pille unter meiner Zunge. Ich fiel neben Fidel auf die Knie und schlang die Arme um ihn. Seine braunen Augen fanden meine. Er sah mich so vertrauensvoll an, dass mir die Tränen in die Augen traten und sich ein Klumpen in meinem Hals formte. Er war so sicher, dass ihm an meiner Seite niemand jemals wehtun würde!

Ich merkte noch, wie Lenoire neben mir niedersank und seine Arme um meinen Hund und mich schlang. Dann begann die Welt zu verschwimmen. Bunte Wirbel tauchten vor meinen Augen auf, und jemand oder etwas versuchte, mich aus Lenoires Griff und Fidel aus meinem zu reißen. Mein Hund stieß einen hohen Jammerlaut aus, der mir durch Mark und Bein ging, und gerade als ich glaubte, ich könne ihn nicht mehr halten, ließ der Druck nach. Die Farben verblassten. Der Geruch nach Verbranntem, der die Luft bislang erfüllt hatte, wich etwas Schwerem, Erdigen.

Die Landung tat weh, aber das war mir egal. Lenoire, Fidel und ich fielen in einem Knäuel aus Gliedmaßen und Pfoten auf einen steinigen Boden. Ich schrie leise auf, als sich ein spitzer Stein in meinen Rücken bohrte, und sofort legte sich eine große, männliche Hand auf meinen Mund. Ich schüttelte sie ab und begann, in der Dunkelheit nach Fidel zu tasten. »Komm, großer Junge«, flüsterte ich, und da war er auch schon. Seine feuchte Hundenase stupste mich an. Die Erleichterung darüber, dass er immer noch bei mir war, ließ mir die Knie weich werden. Wir waren zusammen, das war die Hauptsache. Ich hatte ihn nicht dem Überfallkommando überlassen. Gut, wir waren über ein Jahrhundert in der Zeit zurück gesprungen, immer vorausgesetzt, dem Professor war kein Fehler in der Dosierung unterlaufen, aber das würden wir schaffen.

Ich setzte mich aufrecht hin und fühlte Fidels warmen, felligen Körper an meiner rechten Seite. Links von mir kauerte sich Lenoire auf den Boden. Er rieb sich die Augen, soviel konnte ich in der Dunkelheit ausmachen. »Sind wir wirklich im Jahr 1889?«, fragte ich flüsternd. »Und in Dartmoor?«

»Sicher. Ich irre mich nie«, entgegnete er.

»Und was ist mit den Verfolgern, die Sie angeblich abgeschüttelt haben?« Ich schloss die Augen unter dem Ansturm der Gedanken, die mit einem Mal meinen Kopf erfüllten. Was war mit meiner Wohnung? Mit meiner Familie? Ich war verschwunden. Würde die Polizei Nachforschungen anstellen? Und wie sollten wir zurückkommen? »Haben Sie wenigstens eine Taschenlampe dabei? Und Geld, damit wir etwas zum Anziehen kaufen können?«

»Die Ereignisse haben mich ebenso überrascht wie Sie«, entgegnete mir seine Stimme aus der Dunkelheit. »Und selbst wenn ich eine Taschenlampe dabei hätte, würde ich sie nicht benutzen. Stellen Sie sich vor, was geschehen kann, wenn sie jemandem in die Finger fällt. Nein, wir müssen alles vermeiden, was uns als Zeitreisende kennzeichnet.«

»Womit wir wieder bei meiner zweiten Frage wären«, sagte ich. »Um nicht aufzufallen, benötigen wir die passende Kleidung. Woher sollen wir sie ohne Geld bekommen?«

»Wir müssen improvisieren«, entgegnete Lenoire.

»Ich hätte nicht gedacht, dass Sie der Typ sind für spontane Aktionen.«

»Das bin ich auch nicht, aber ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.« Entdeckte ich da etwa eine Spur Selbstironie in seiner Stimme? Wenn er nicht gerade den arroganten Besserwisser heraushängen ließ, war er mir fast sympathisch. Ich fühlte, wie Fidel sich neben mir ausstreckte, und entspannte mich ebenfalls ein wenig.

»Wollen Sie mir nicht erzählen, was passiert ist? Ich möchte nicht anmaßend sein, aber ich denke, ich habe die Wahrheit verdient.« Mehr sagte ich nicht. Ich hoffte, dass er vernünftigen Argumenten zugänglich war. Und tatsächlich, nach einer Zeit, die mir unendlich lang erschien, gab er nach. Endlich!

»Vor Tagesanbruch können wir ohnehin nichts erreichen«, begann er. »Ich möchte nicht im Moor versinken, also … wo soll ich anffangen?«

»Das Problem kenne ich«, warf ich ein. »Der Anfang ist immer am schwersten. Ich kann Ihnen Fragen stellen, wenn das hilft, und sie auf diese Weise in die richtige Richtung lenken.«

»Dies ist keines ihrer albernen Romanprojekte, wie die Geschichte, die Kaja Ihnen erzählt hat«, stieß er dumpf hervor. »Das ist die Realität.«

»Umso wichtiger ist es, dass sie mich endlich einweihen. Und außerdem bin ich die Sherlock Holmes Expertin. Schon vergessen?«

»Wie könnte ich«, murmelte er. »Also gut. Es fing alles damit an, dass einer unserer Bibliothekare dem Shifter Rat den Floh ins Ohr setzte, dass wir mehr über unsere Vergangenheit, insbesondere über die Entstehung der Shifter Cops, erfahren müssten. Er meinte, wir könnten aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Sein Vorschlag traf zufälligerweise mit der Entwicklung meines Serums zusammen, und der Rat beschloss, es auf einen Versuch ankommen zu lassen.«

»Warum hat man nicht diesen Bibliothekar mit Ihnen in die Vergangenheit geschickt?«, wollte ich wissen.

»Er ist verstorben«, sagte Lenoire. »Das war vor fünf Jahren. Und da Sie Ihre Arbeit als Chronistin gut gemacht haben und sich außerdem mit Literatur auskennen, brachte Catherine Ihren Namen ins Spiel. Ich war von Anfang an dagegen«, versicherte er mir.

»Selbstverständlich«, erwiderte ich trocken.

»Wie dem auch sei. Vor etwa drei Monaten begannen die … Unfälle in meinem Labor. Untersuchungsergebnisse waren nicht mehr aufzufinden, Chemikalien explodierten ohne Grund, und einer meiner Mitarbeiter verschwand spurlos.« Sein Tonfall hatte sich kaum merklich verändert, aber ich hörte, wie seine Stimme zitterte. »Ich hatte bereits vorher damit angefangen, Sicherheitskopien anzulegen, aber als James nicht mehr auftauchte, war ich sicher, dass irgendjemand unser Unternehmen sabotierte.«

»Und worin genau bestand dieses Unternehmen? Catherine ist ziemlich vage geblieben, was die eigentlichen Ziele angeht.« Ihm machte das Verschwinden von James sehr zu schaffen, ich hörte es, und ich wollte nicht riskieren, dass er hier in der Einöde von Dartmoor einen hysterischen Anfall bekam. Ich kannte ihn nicht gut genug, um abschätzen zu können, wie stressresistent er war. Ein angespannter Gestaltwandler, der sich nicht unter Kontrolle hatte, war das Letzte, was ich brauchte.

»Es gibt deutliche Hinweise, dass es sich beim Hund von Baskerville um einen Werwolf handeln könnte.«

»Ja und? Wolfswandler und andere Kreaturen hat es doch schon immer gegeben«, sagte ich nachdenklich. »Dieser Verdacht hat nichts mit der Existenz einer paranormalen Polizei-Einheit zu tun.« Ich überlegte, bevor ich meinen nächste Frage formulierte. »Und warum sollte irgendjemand Interesse haben, Ihre Nachforschungen zu unterbinden?«

»Unsere«, verbesserte er mich und rief mir ins Gedächtnis, dass wohl das Motto mitgefangen, mitgehangen galt. »Lassen Sie mich der Reihe nach erzählen. Zuerst einmal ist der Hund von Baskerville…«

Ich hielt es nicht mehr aus. »Es heißt Hund der Baskervilles, nicht von. Das ist die angemessen Übersetzung. Bei den Baskervilles handelt es sich um eine Familie, nicht etwa um einen Ort.«

»…ist der Hund der Baskervilles nicht das einzige Werwesen, dessen Existenz wir verifizieren wollen.«

»Oh«, stieß ich hervor und setzte mich auf, was mir ein genervtes Grunzen meines Hundes eintrug, der es sich mit dem Kopf in meinem Schoß bequem gemacht hatte. »Ich wusste es«, frohlockte ich. »Sherlock Holmes war ebenfalls ein Gestaltwandler. Was war er? Nein, sagen Sie nichts. Er war …«

Fortsetzung folgt…

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Wolfsspur Kapitel 1

Wolfsspur: Ein Zeitreise Abenteuer für die Shifter Cops
Wolfsspur: Ein Zeitreise Abenteuer für die Shifter Cops

Kapitel 1

Es vergingen ein paar Wochen, bevor ich dem Professor zum ersten Mal Auge in Auge gegenüberstand. Wir korrespondierten zunächst per Email. Das heißt, ich stellte ihm jede Menge Fragen, die er in kargen Sätzen beantwortete. Ich muss zugeben, dass er weder auswich, wenn ich nachbohrte, noch etwas beschönigte.

Gewöhnlich schrieb ich ihm wortreich von meinen Sorgen, etwa so:

»Ist das Serum ausreichend getestet worden, vor allem auch an Menschen? Ich erinnere mich zu gut an den Schrecken, den Dr. Jekyll als Mr Hyder verbreitete, und auch er hielt sein Serum zunächst für völlig ungefährlich, ja sogar für eine segensreiche Erfindung. Was ist, wenn ich süchtig danach werde und immer wieder und wieder durch die Zeit reisen will? Wie komme ich zurück? Und was ist mit Kleidung – muss ich mir vorher die der Zeit entsprechende Gewandung besorgen und wo bekomme ich sie?«

Professor Lenoires Entgegnungen darauf sah folgendermaßen aus:

»Selbstverständlich habe ich ausreichende Testreihen durchgeführt. Suchtgefahr besteht nicht, zumindest nicht nach dem Serum. Möglich ist jedoch, dass Sie den Adrenalinkick des Springens durch Zeit und Raum so angenehm finden, dass Sie ihn beständig wiederholen wollen. Kleidung wird gestellt.«

Er brauchte nicht einmal die Hälfte der Worte, die ich benötigte. Ich fühlte mich abwechselnd hysterisch und wie ein Plappermaul, wenn ich ihm schrieb, was für mich recht ungewohnt war. Zu Beginn war er in meiner Fantasie eine Mischung aus Indiana Jones und Gandalf. Ersteres vor allem, weil ich seine Schwester Kaja bereits kennengelernt hatte und mir nicht vorstellen konnte, dass ein Bruder von ihr ein verknöcherter Forscher im Elfenbeinturm war. Immerhin war Professor Lenoire ein Shifter Cop, nicht wahr? Ein furchtloser Kämpfer für das Gute, ein Mann, der sich in einen Panther und wieder zurückverwandeln konnte. Auf Gandalf kam ich, weil er schlau und weise sein musste, um ein Zeitreise-Serum zu entwickeln.

Irgendwann verlor er jedoch die Geduld und schrieb mir, wenn ich ihn weiterhin durch dauernde Fragen von seiner eigentlichen Arbeit abhielte, würde nie etwas aus unserem gemeinsamen Projekt werden. Also hielt ich den Mund und fragte lediglich, wann und wohin wir reisen würden. Das, so schrieb er mir, würde er mir mitteilen, sobald die Zeit reif wäre. Ich erkundigte mich höflich, wann das sein wollte, aber er antwortete mir nicht.

Stattdessen stand er drei Tage später vor meiner Tür.

Ich hielt ihn zunächst für den Paketboten. Ich arbeite von zuhause aus, und niemand außer den Zustellern von Lieferungen für meine Nachbarn störte wochentags meine heilige Arbeitsruhe. Ich legte meinem Hund das Halsband an, befahl ihm sitzenzubleiben und öffnete die Haustür. Der Mann, der auf mich herabschaute, war defintiv nicht hier, um eine online getätiget Bestellung bei mir abzugeben. Zum einen hatte er einen riesigen Rollkoffer neben sich, zum anderen starrte er meinen Hund mit schreckgeweiteten Augen an, als Fidel wie eine Kanonenkugel auf ihn zuraste. (Ich muss dazu sagen, dass die Paketboten einander Warnungen vor dem »großen schwarzen Hund und der kleinen rothaarigen Frau« weitergaben, wenn sie zum Dienst in meiner Wohngegend eingeteilt waren).

Es gelang mir in der letzten Sekunde, meinen Hund am Halsband zu packen, den Mann in den Flur zu ziehen und die Tür ins Schloss zu werfen, bevor sich der Katzenwandler in sein Tier verwandelte. Fidel hasst Katzen, und Katzen verabscheuen meinen Hund. Dieser Panthershifter war keine Ausnahme, wie man an seinen geschlitzten Pupillen und dem dumpfen Fauchen erkennen konnte, das aus seiner Kehle kam. Ich befahl Fidel zu warten, raschelte zur Unterstützung meines Befehls noch einmal mit der Leckertüte – allzeit bereit ist mein Motto – und legte dem Shifter Cops die Hand auf die Brust.

»Warum hat mir niemand gesagt, dass hier ein verdammter Köter haust?«, fragte er. Ich merkte, wie mein Puls in die Höhe schoss und zwang mich, tief ein- und wieder auszuatmen. Meine übliche Reaktion darauf, wenn jemand meinen Hund bedroht oder beschimpft, besteht in der Androhung einer Kastration, und ich machte keine Ausnahme, auch nicht für Professor Lenoire. Der drückte seinen Rücken durch, glättete sein schwarzes Haar und fixierte mich mit seinen grünen Augen, die denen seiner Schwester in Schnitt und Farbe unglaublich ähnlich sahen. »Warum hat mir niemand mitgeteilt, dass Sie auf dem Weg zu mir sind?«, fauchte ich, immer noch außer mir vor Zorn über seine herabsetzende Bemerkung.

»Weil niemand, nicht einmal Ms Belcott, davon weiß«, sagte er schließlich.

»Warum? Ich dachte, dies wäre ein offizielles Forschungsprojekt der Shifter Cops«, gab ich zurück und merkte, wie sich meine Stirn in hässliche Falten legte. Fidel neben mir gab ein leises Knurren von sich, als er meine Irritation spürte. Ich legte den Finger auf die Lippen und schaute ihm kurz in die braunen Augen, bevor ich mich wieder Professor Lenoire zuwandte. »Wir sollten ihr Gepäck hereinholen. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Lassen Sie uns noch einmal von vorne anfangen. Einverstanden?«

Er überlegte nicht lange. »Okay. Haben Sie die Bestie im Griff?«

»Selbstverständlich«, sagte ich und nickte Fidel zu, der daraufhin Stellung hinter mir statt neben mir bezog. Er hat seine Marotten, aber er weiß genau, wann Nicht-Hören keine Option ist. Ich musste lächeln, als Professor Lenoire langsam rückwärts ging, ohne den Hund und mich aus den Augen zu lassen. »Ich gehe schon mal vor«, rief ich ihm zu und überließ es ihm, den Koffer hereinzuholen. Hatte er sein halbes Labor mit nach Deutschland gebracht oder transportierte er in dem mannshohen Ungetüm eine Leiche?

Kurze Zeit später saßen wir am Esszimmertisch. Ich schenkte ihm eine Tasse Kaffee ein. Lenoire sah aus, als könne er einen Schuss Koffein gebrauchen. Und eine Dusche. Er stank nicht, aber er sah aus, als hätte er in seinen Kleidern geschlafen. Während er trank nahm ich mir die Zeit, ihn genauer zu mustern. Er hatte tatsächlich etwas von Indiana Jones, um die Augen und den Mund herum, aber von Gandalf keine Spur. Dazu war er einfach nicht alt genug. Ich schätzte, dass er maximal 38 Jahre alt war, eher ein wenig jünger. Er hatte eine vorspringende Nase und ein kantiges Kinn, was ihm zusammen mit der müden Eleganz seiner Bewegungen die Ausstrahlung einer blaublütigen Katze verlieh.

»Jetzt erzählen Sie mir erst einmal, was los ist«, verlangte ich. »Haben Sie Hunger? Ich könnte Ihnen etwas zu essen machen, während Sie mir sagen, warum Sie so überraschend bei mir aufgetaucht sind.« Mir ging kurz der Gedanke durch den Kopf, Catherine von seiner Anwesenheit zu informieren. Ich weiß nicht, was es war, das mich davon abhielt, aber ich tat es nicht, sondern kochte ihm eine ordentliche Portion Vollkornspaghetti mit Garnelen in Tomatensauce. Das Kochen war aus mehreren Gründen nützlich. Es beruhigte mich und gab Lenore Gelegenheit, mir seine Geschichte zu erzählen, ohne sich dabei beobachtet zu fühlen. Das Schnippeln und Rühren lenkte außerdem meinen Hund ab, der für einen Happen bereit war, die Anwesenheit des Raubkatzenwandlers fürs Erste zu ignorieren.

Lenoire machte es sich auf einem Hocker an meiner Esstheke bequem und schenkte sich unaufgefordert den nächsten Kaffee ein. »Es ist eine komplizierte Geschichte«, begann er.

Ich schnaubte, was mir einen irritierten Blick eintrug. »Das hat Ihre Schwester auch gesagt, bevor sie mir die Geschichte von den Doppelmorden in Mandeville erzählte.« Ich zuckte mit den Achseln und wandte meine Aufmerksamkeit den Tomaten zu. Ich schnitt sie kreuzweise ein und tat so, als wäre ich nicht wahnsinnig gespannt auf seine Story.

»Sie fragen sich bestimmt, warum ich hier bin.« Ich rollte die Augen gen Himmel. In seinen Emails war er ausgesprochen wortkarg gewesen. Warum redete er jetzt um den heißen Brei herum? »Wenn ich ehrlich sein soll, hat Kaja mir geraten, mit Ihnen zu sprechen. Sie sagte, Sie wären eine gute Zuhörerin.« Ich sagte nichts, um seinen Gedankengang nicht zu unterbrechen. »Wie Sie wissen, war es unsere eigentliche Absicht, die Wahrheit hinter den Romanen und Geschichten unter die Lupe zu nehmen, in denen paranormale Wesen auftauchen. Ursprünglich sollte ich unter dem Deckmantel von Journalisten Interviews mit den Verfassern der Geschichten führen, und Ihre Aufgabe wäre es gewesen, das Gespräch zu protokollieren.«

Dieses Detail hatte weder er noch Catherine erwähnt. Er musste mir die Anspannung angesehen haben, denn Lenoire setzte schnell nach: »Das hat nichts mit Ihrer Qualifikation als Autorin zu tun. Vergessen Sie nicht, dass wir in die Vergangenheit reisen und damit vornehmlich in Zeiten, die mit Gleichberechtigung nichts zu schaffen hatten.«

»Das verstehe ich«, gab ich zu, konnte aber den mürrischen Tonfall nicht ganz unterdrücken. »Was mich jedoch verwirrt, ist etwas anderes. Zuerst sprachen Sie von den Zeitreisen in der Vergangenheit. In Ihrem letzten Satz benutzen Sie die Gegenwartsform, ganz so, als würden wir immer noch springen.« Bei meinen letzten Worten drehte ich mich um und sah ihm direkt in die Augen. »Wie kann das sein, wenn niemand weiß, dass Sie hier sind?«

»Kaja hatte recht. Sie sind intelligent.« Er seufzte. Ich bezwang den Drang, ihn zu ohrfeigen und ihm zu sagen, was ich von seiner herablassenden Feststellung hielt. Die mittlerweile garen Spaghetti servierte ich ihm nicht gerade mit meinem freundlichsten Gesichtsausdruck. Doch als ich sah, wie ausgehungert er das Essen in sich hineinschlang, wurde mein Herz weicher. Ein bisschen. »Um es kurz zu machen: Wir werden reisen, oder springen, wie Sie es nennen. Es ist wichtiger denn je.« Er trank einen Schluck von seinem Kaffee, der mittlerweile kalt sein musste, und verzog das Gesicht. »Man hat mein Labor niedergebrannt und versucht, mich zu entführen. Ich konnte entkommen.« Meine Augen flogen zu seinem Koffer. Er verstand mich sofort, ohne dass ich auch nur ein Wort sagen musste. »Ich hatte ein paar Utensilien bei mir zuhause untergebracht. Mir blieb gerade noch genug Zeit, die wichtigsten Dinge einzupacken, bevor mein Flieger nach Düsseldorf ging.«

»Wissen Sie, wer hinter dem Überfall steckt?« Mein Mund war trocken, und mir wurde kalt. Ich lebte allein mit meinem Hund, aber ich hatte Eltern, einen Bruder und Freunde, die durch seine Anwesenheit in Gefahr geraten konnten. Wenn ich eines während meiner Chronisten-Tätigkeit für die Shifter Cops gelernt hatte, dann war es dies: Niemals die Feinde der paranormalen Polizei zu unterschätzen.

»Nein.« Er log mich an, ich wusste es einfach. »Ich habe einen Verdacht«, korrigierte sich Lenoire widerwillig, als ich die Arme vor der Brust verschränkte. »Und um den zu bestätigen, muss ich mit Ihnen ins Jahr 1889 reisen.«

In meinem Kopf überschlugen sich die Möglichkeiten. Welche bedeutenden Werke, in denen ein übernatürliches Wesen auftrat, waren 1889 entstanden oder spielten in diesem Jahr? Vergeblich zermarterte ich mir den Kopf. Alles, was mir einfiel war die Tatsache, dass Jean Cocteau in diesem Jahr das Licht der Welt erblickte und es das Todesjahr von Wilkie Collins gewesen war. Das alles fühlte sich nicht richtig an. Ich übersah etwas. Aber was? Ich schaute hinunter zu Fidel, der friedlich auf der Fußmatte vor der Terrassentür eingeschlafen war. Er knurrte und japste im Traum, und seine riesigen Pfoten zuckten. Und dann wusste ich es. Ich hielt den Atem an. »Dartmoor«, flüsterte ich und schaffte es nicht, die Erregung hinter einem sachlichen Tonfall, wie er der Chronistin wohl angemessen gewesen wäre, zu verbergen.

Lenoire nickte. »Sie haben es erfasst. Wir werden uns auf die Spur des berühmtesten Höllenhundes aller Zeiten setzen.«

Ich konnte mein Glück kaum fassen. Nicht mehr lange, und ich wandelte auf den Spuren des berühmtesten Detektivs aller Zeiten. Ich würde mit eigenen Augen sehen, was es wirklich mit dem Hund der Baskervilles auf sich hatte.

Fortsetzung folgt…

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Zeitreise mit den Shifter Cops

Zeitreise Abenteuer mit den paranormalen Ermittlern der Shifter Cops.
Zeitreisen mit den Shifter Cops und ihrer Chronistin Natalie Winter.

Liebe Leserinnen und Leser,

Sie kennen mich als Chronistin der Shifter Cops, jener Polizeieinheit aus den USA, die sich der paranormalen Verbrechen in Amerika annimmt. Die Betonung liegt – oder genauer gesagt: lag – bislang stets auf der Chronistin, der passiven Zuhörerin, die den Gestaltwandlern eine Stimme verleiht. Ich war immer zufrieden mit dieser Rolle, erlaubte sie mir doch, dem schönsten Beruf der Welt nachzugehen, nämlich dem Schreiben. Auch bin ich kein Mensch, der das Rampenlicht genießt, sondern jemand, der lieber im Hintergrund bleibt.

Doch die Zeiten, in denen ich ausschließlich protokollierte, welche Abenteuer die Shifter Cops erleben, sind vorbei. Ich bin immer noch nicht sicher, ob mir die aktive Teilnahme an den Ermittlungen gefällt, aber um mich gegen meine neue Rolle aufzulehnen, ist es zu spät. Ich habe leichtsinnigerweise ja gesagt, und nun komme ich so leicht nicht mehr aus dieser verflixten Sache mit den Zeitreisen heraus.

So. Ich habe es geschrieben. Zeitreisen.

Sie lesen richtig. Vermutlich sehen Sie gerade so aus wie ich, als Catherine mich anrief, um mir diesen haarsträubenden Vorschlag zu unterbreiten: Ungläubig, irritiert und einen Hauch neugierig. Catherine Belcott ist die Chefin der Shifter Cops. Wir telefonieren regelmäßig, um zu besprechen, welchen neuen Fall wir als nächstes unter dem Deckmantel der erfundenen Erzählung an die Öffentlichkeit bringen. Ihr langfristiges Ziel ist es, die Menschen auf das Coming Out der paranormalen Community vorzubereiten. Warum Catherine gerade mich ausgesucht hat, um die Rolle der Chronistin zu übernehmen, ist eine lange Geschichte und eine, die nicht hierher gehört.

Nun, um endlich auf den Punkt zu kommen, Catherine fragte mich, ob ich nicht gern selbst ermitteln wollte, und zwar auf einem Gebiet, dem meine ganze Liebe gilt. Sie meinte natürlich die Literatur. Ich Närrin stellte mir zu diesem Zeitpunkt noch vor, dass ich von zuhause aus recherchieren könnte, in alten Dokumenten suchen und von Zeit zu Zeit auch einmal eine Reise zu einer verstaubten Bibliothek unternehmen würde. »Liebend gern«, sagte ich also. »Ich darf also jede Menge Bücher berühmter Autoren lesen und dabei nach Hinweisen auf Gestaltwandler und die Shifter Cops suchen? Das ist genau mein Ding«, versicherte ich ihr eifrig.

Am anderen Ende herrschte sekundenlang Stille, bevor sich Catherine zu Wort meldete. »Das auch«, bestätigte sie und betonte dabei das letzte Wort. Ich ahnte, dass sie mir noch nicht alles gesagt hatte. »Aber ich stelle mir vor, dass Sie eine aktivere Rolle übernehmen, Ms. Winter.« Ich hörte, wie sie Luft holte. »Einer unserer Wissenschaftler in Toronto hat ein Serum entwickelt, mit dem Zeitreisen möglich sind. Ich möchte, dass Sie und eines unserer besten Teammitglieder in die Vergangenheit reisen und sich ganz bestimmte Fälle ansehen.«

Ich gebe zu, ich lachte. Ziemlich lange sogar. Mein Hund, der neben mir auf der Couch schlief, hob den Kopf und schaute mich forschend an. Mein hysterischer Unterton beunruhigte ihn. Ich legte die Hand auf seine Brust und kraulte sein Fell, bis seine Augen wieder zufielen. Catherine hatte geduldig gewartet. Wahrscheinlich hatte sie diese Reaktion erwartet. Zeitreisen, also wirklich! Für wie blöd hielt sie mich? Und dann noch ein Serum, wie bei Jekyll und Hyde.

Um es kurz zu machen (und eigentlich wissen Sie es ja schon), Catherine meinte es ernst. Sie sagte, dass einer Ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiter Hinweise auf die Existenz einer Vorgängerorganisation der Shifter Cops gefunden hatte, und zwar vermehrt in klassischen Romanen. Ich sollte nun an der Seite eines Begleiters in die Zeit zurückreisen, in der die Autoren ihre Werke verfasst hatten, und unauffällig nach Hinweisen suchen.

Ich gebe zu, in meinem Kopf explodierten die süßesten Bilder, die sich ein Literaturfreak wie ich nur vorstellen kann. Ich konnte den von mir verehrten Oscar Wilde kennenlernen! Ich würde Sir Arthur Conan Doyle endlich sagen, wie sehr ich seine Bücher schätzte, und vielleicht, nur vielleicht, ergab sich die Gelegenheit, Poe vor seinem einsamen, traurigen Tod ein wenig Trost zu spenden.

Sie sehen, wie ich in die Sache hineinrutschte. Bücher, Autoren und Literatur waren der perfekte Köder für mich. Ich kam nicht einmal auf den Gedanken, Zeitreisen könnten, immer vorausgesetzt, Lenoires Methode funktionierte, gefährlich sein. Ich Idiotin!

Catherine und ihre Worte über Bücher schafften es, mich zu überzeugen. Nein, das ist unpräzise. Ihr und ihrem hochgelobten Wissenschaftler gelang es, mich von der Wahrheit ihrer Aussage zu überzeugen. Die Chefin der Shifter Cops gab mir die Emailadresse von Professor Lenoire, der mir blutigem Laien und Zeitreise-Anfänger geduldig erklärte, wie sein Serum funktionierte. Ich musste mich verpflichten, die genaue Wirkungsweise geheim zu halten, und auch wenn Sie jetzt die Nase rümpfen und sich denken »Jaja, schon klar«, ich habe mein Wort gegeben. Meine Lippen sind in dieser Hinsicht versiegelt.

Aber ich darf Ihnen erzählen, was Professor Lenoire und ich auf unserem ersten gemeinsamen Ausflug in die Vergangenheit erlebt haben. Ich soll es sogar, versicherte mir Catherine bei unserem letzten Gespräch. Sie meint, je fantastischer die Geschichten sind, die ich über die Shifter Cops in Umlauf bringe, desto weniger schockiert werden die Menschen von der vergleichsweise langweiligen Existenz der Gestaltwandler sein, wenn sie erst einmal an die Öffentlichkeit treten.

Langweilig ist kein Wort, das ich je mit den paranormalen Ermittlern in Verbindung bringen werde. Erst recht nicht, nachdem ich Professor Lenoire kennengelernt habe.

Sie werden allmählich ungeduldig, ich merke es. Genug der Vorrede also. Lassen Sie mich am besten damit beginnen, wie der Professor und ich einander zum ersten Mal begegneten.

Fortsetzung folgt…

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Fauler Zauber oder doch echte Magie? Teil 2

Besondere Kartendecks

Zu den berühmtesten Decks, einem Set aus 78 Karten, zählen das Rider Waite Tarot und das Crowley Tarot. 1910 kam die erste Auflage der Karten in Umlauf, die der Okkultist A.E. Waite gemeinsam mit dem Verlag Rider & Son bei der Künstlerin Pamela Colma Smith in Auftrag gab. Die meisten Tarots, die man heute kaufen kann, orientieren sich an den Bildern und Szenen, die Colamn Smith damals für eine kleine Summe entwarf. Die aussagekräftigen, in klaren Farben gehaltenen Bilder sind der Grund, warum das Rider Waite Tarot heute noch gern gekauft und benutzt wird. Die Bilder des Crowley  oder Thoth Tarot macht eine spontane Deutung zwar ebenso leicht, bieten aber durch die enge Verknüpfung mit den Schriften und der Philosophie des Okkultisten noch mehr Deutungsansätze. Wer sich mit diesen beiden Kartendecks nicht anfreunden kann, hat heute eine fast unendliche Auswahl zur Verfügung. Von Tarotkarten mit Alienmotiven über Indianermotive bis hin zu Einhörnen und Gummibärchen gibt es fürwirklich jeden Geschmack die passenden Karten.

Große Arkana, kleine Arkana – was ist das?

Die Entwicklung der Wahrsagekarten aus den Spielkarten zeigt sich in der Unterteilung in die Arkana. In der großen Arkana findet man Karten wie »Die Welt«, »Die Liebenden«, den »Tod« oder den »Mond«, die sich aus den Trümpfen entwickelten. Und da die Farbkarten in die kleine Arkana mündeten, bestehen diese 56 Karten aus vier Reihen in den »Farben« Schwerter, Kelche, Stäbe und Münzen, ähnlich wie Asse oder Kreuz in einem regulären Spiel.

Wie legt man eigentlich Karten?

Wer das Tarot nutzt, um in die Zukunft zu blicken, hat meistens ein System, das sich über die Jahre bewährt hat. Das keltische Kreuz mit zehn Karten beantwortet komplizierte Fragen, die in einem größeren Zusammenhang gesehen werden müssen; es gibt das schlichte Dreiersystem, bei dem Karten für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufgedeckt werden. Muss es einmal schnell gehen, gibt die Tageskarte einen Hinweis auf die unmittelbare Zukunft. Bei allen Legesystemen gilt: Erlaubt ist, was gefällt.

Und sagen die Karten jetzt die Zukunft voraus oder nicht?

Heutzutage werden Tarotkarten nicht allen zur Divination, also der Voraussage der Zukunft, benutzt, sondern vor allem um Erkenntnisse über sich selbst zu sammeln. Die Archetypen auf den Trumpfkarten, aber vor allem die universelle Symbolkraft auf den Bildern führt beim Betrachter zu Assoziationen, die der Selbsterkenntnis auf die Sprünge helfen. Es gibt keine Deutungshoheit beim Betrachten der Tarotkarten – richtig ist, was der Fragende selbst sieht.

Sollte Ihnen also eine Wahrsagerin einen geheimnisvollen dunklen Fremden ankündigen oder zur Vorsicht bei Geldgeschäften raten, akzeptieren Sie die Aussagen, die Ihnen gefallen – und gestalten Ihr Schicksal selbst. Auch wenn es (manchmal) schade ist, echte Zauberei gibt es nur in Büchern.

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Fauler Zauber oder doch echte Magie

Kartendeckt Tarot

Ein kurzer Einblick in die Geschichte der Tarotkarten

Es gibt Menschen, die unter keinen Umständen einen Blick in die eigene Zukunft werfen wollen. Meine Protagonistin Julie Mireau aus der »Hexe von Maine« ist so ein Mensch. Weder Teeblätter noch die Kristallkugel oder Runen sind für sie probate Mittel, ihre Probleme zu lösen, weder zukünftige noch aktuelle. Leider hält das Schicksal in dieser (und anderer) Beziehung die eine oder andere Überraschung bereit, und sie muss lernen, mit ihrem Erbe als Nachfahrin einer Hexenfamilie zu leben. Dabei spielen Tarotkarten eine wichtige Rolle.

Die Geschichte des Tarots

Das Tarot mit seinen 78 Karten, wie wir es heute kennen, entstand bereits vor vielen Jahrhunderten als reines Kartenspiel. Das »Tarocchi« oder auch »Taraux«, wie es genannt wurde, umfasste 60 Karten und wurde in ganz Europa begeistert gespielt. Als gesichert gilt die Existenz des Trionfi, wie es damals genannt wurde, das im 15. Jahrhundert entworfen und gefertigt wurde und damals sagenhafte 1500 Dukaten kostete. Das entspricht in etwa 100.000 €, die der Käufer heute auf den Tisch legen müsste. Viele der aktuellen Motive waren in den historischen Karten bereits angelegt, und auch wenn die Karten erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts zum Wahrsagen genutzt werden, ähneln sich die Bilder sehr. Das Marseiller Tarot des Künstlers Nicolas Conver ist komplett erhalten und wird als eines der ältesten Wahrsage-Tarots immer wieder neu aufgelegt.

Ein sagenumwobenes Spiel

Wie alle magischen Hilfsmittel ranken sich auch um die Entstehung der Tarotkarten allerlei Gerüchte. Manche positionieren ihre Entstehung im alten Ägypten, wo sie erschaffen wurden, um geheime Kenntnisse vor dem Untergang zu bewahren. Überhaupt spielt der Gedanke des geheimen Wissens, das sich nur einem Kreis Eingeweihter erschließt, bei den Entstehungsmythen eine große Rolle. Ausgehend von der Anzahl der Karten, die bei 78 liegt, und die Unterteilung in die 22 Trümpfe der großen Arkana und die 56 der Farbkarten, existiert noch ein weiterer Mythos: Tarot und Kabbala, eine jüdische Mysterienlehre, sind miteinander verbunden. Dieser Glaube beruht auf der Tatsache, dass das hebräische Alphabet 22 Buchstaben hat und der kabbalistische Lebensbaum 22 Wege zur Weisheit. Ob Roma und Sinti, ob Freimaurer oder altgriechische Mathematiker, auf irgendeine Weise kann alles und jeder mit dem Tarot in Verbindung gebracht werden.

Vom Kartenspiel zum Instrument der Wahrsagekunst

Ab 1750 wendete sich das Blatt, und aus dem unterhaltsamen Spiel wurde ein Mittel, um wahlweise in die Zukunft zu schauen oder an Selbsterkenntnis zu gewinnen. Der »Hermetic Order of the Golden Dawn« entdeckten die Karten als Instrument zur Erkundung der eigenen Befindlichkeit, und auch wenn der Orden die Karten nicht Divinationsinstrument ansah, so war der erste Schritt getan. Mit dem Auftritt Aleister Crowleys auf der Bühne des Okkultimus erlangten die Karten die Bedeutsamkeit, die wir ihnen heute noch zugestehen. Crowley, der zwei Jahre lang Mitglied  im oben erwähnten Orden war, gab der Künstlerin Frieda Harris den Auftrag zur Illustration des Decks, das bis heute als Thoth Tarot bekannt und beliebt ist. Auch ein anderes berühmtes Tarot wurde übrigens von einer Künstlerin erschaffen und bis heute benutzt. Es ist das Rider Waite Tarot, das ebenso wenig den Namen seiner Schöpferin trägt wie es beim Crowley Tarot der Fall ist.

Aber dazu im nächsten Teil des Artikels ein wenig mehr.

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Schauplätze: Das Itchy Witchy

Das Itchy Witchy aus dem ersten Teil der Shifter Cops
Das Itchy Witchy

Das Itchy Witchy

Julie erbt die esoterische Buchhandlung und Laden für Hexereibedarf von ihrer Tante. Sie ist nicht gerade begeistert, hat sie doch Psychologie studiert und will mit Hexerei nichts zu tun haben. Doch auch ohne an Magie zu glauben, beginnt die Arbeit allmählich, ihr Spaß zu machen.
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