Wolfsspur Kapitel 1

Wolfsspur: Ein Zeitreise Abenteuer für die Shifter Cops
Wolfsspur: Ein Zeitreise Abenteuer für die Shifter Cops

Kapitel 1

Es vergingen ein paar Wochen, bevor ich dem Professor zum ersten Mal Auge in Auge gegenüberstand. Wir korrespondierten zunächst per Email. Das heißt, ich stellte ihm jede Menge Fragen, die er in kargen Sätzen beantwortete. Ich muss zugeben, dass er weder auswich, wenn ich nachbohrte, noch etwas beschönigte.

Gewöhnlich schrieb ich ihm wortreich von meinen Sorgen, etwa so:

»Ist das Serum ausreichend getestet worden, vor allem auch an Menschen? Ich erinnere mich zu gut an den Schrecken, den Dr. Jekyll als Mr Hyder verbreitete, und auch er hielt sein Serum zunächst für völlig ungefährlich, ja sogar für eine segensreiche Erfindung. Was ist, wenn ich süchtig danach werde und immer wieder und wieder durch die Zeit reisen will? Wie komme ich zurück? Und was ist mit Kleidung – muss ich mir vorher die der Zeit entsprechende Gewandung besorgen und wo bekomme ich sie?«

Professor Lenoires Entgegnungen darauf sah folgendermaßen aus:

»Selbstverständlich habe ich ausreichende Testreihen durchgeführt. Suchtgefahr besteht nicht, zumindest nicht nach dem Serum. Möglich ist jedoch, dass Sie den Adrenalinkick des Springens durch Zeit und Raum so angenehm finden, dass Sie ihn beständig wiederholen wollen. Kleidung wird gestellt.«

Er brauchte nicht einmal die Hälfte der Worte, die ich benötigte. Ich fühlte mich abwechselnd hysterisch und wie ein Plappermaul, wenn ich ihm schrieb, was für mich recht ungewohnt war. Zu Beginn war er in meiner Fantasie eine Mischung aus Indiana Jones und Gandalf. Ersteres vor allem, weil ich seine Schwester Kaja bereits kennengelernt hatte und mir nicht vorstellen konnte, dass ein Bruder von ihr ein verknöcherter Forscher im Elfenbeinturm war. Immerhin war Professor Lenoire ein Shifter Cop, nicht wahr? Ein furchtloser Kämpfer für das Gute, ein Mann, der sich in einen Panther und wieder zurückverwandeln konnte. Auf Gandalf kam ich, weil er schlau und weise sein musste, um ein Zeitreise-Serum zu entwickeln.

Irgendwann verlor er jedoch die Geduld und schrieb mir, wenn ich ihn weiterhin durch dauernde Fragen von seiner eigentlichen Arbeit abhielte, würde nie etwas aus unserem gemeinsamen Projekt werden. Also hielt ich den Mund und fragte lediglich, wann und wohin wir reisen würden. Das, so schrieb er mir, würde er mir mitteilen, sobald die Zeit reif wäre. Ich erkundigte mich höflich, wann das sein wollte, aber er antwortete mir nicht.

Stattdessen stand er drei Tage später vor meiner Tür.

Ich hielt ihn zunächst für den Paketboten. Ich arbeite von zuhause aus, und niemand außer den Zustellern von Lieferungen für meine Nachbarn störte wochentags meine heilige Arbeitsruhe. Ich legte meinem Hund das Halsband an, befahl ihm sitzenzubleiben und öffnete die Haustür. Der Mann, der auf mich herabschaute, war defintiv nicht hier, um eine online getätiget Bestellung bei mir abzugeben. Zum einen hatte er einen riesigen Rollkoffer neben sich, zum anderen starrte er meinen Hund mit schreckgeweiteten Augen an, als Fidel wie eine Kanonenkugel auf ihn zuraste. (Ich muss dazu sagen, dass die Paketboten einander Warnungen vor dem »großen schwarzen Hund und der kleinen rothaarigen Frau« weitergaben, wenn sie zum Dienst in meiner Wohngegend eingeteilt waren).

Es gelang mir in der letzten Sekunde, meinen Hund am Halsband zu packen, den Mann in den Flur zu ziehen und die Tür ins Schloss zu werfen, bevor sich der Katzenwandler in sein Tier verwandelte. Fidel hasst Katzen, und Katzen verabscheuen meinen Hund. Dieser Panthershifter war keine Ausnahme, wie man an seinen geschlitzten Pupillen und dem dumpfen Fauchen erkennen konnte, das aus seiner Kehle kam. Ich befahl Fidel zu warten, raschelte zur Unterstützung meines Befehls noch einmal mit der Leckertüte – allzeit bereit ist mein Motto – und legte dem Shifter Cops die Hand auf die Brust.

»Warum hat mir niemand gesagt, dass hier ein verdammter Köter haust?«, fragte er. Ich merkte, wie mein Puls in die Höhe schoss und zwang mich, tief ein- und wieder auszuatmen. Meine übliche Reaktion darauf, wenn jemand meinen Hund bedroht oder beschimpft, besteht in der Androhung einer Kastration, und ich machte keine Ausnahme, auch nicht für Professor Lenoire. Der drückte seinen Rücken durch, glättete sein schwarzes Haar und fixierte mich mit seinen grünen Augen, die denen seiner Schwester in Schnitt und Farbe unglaublich ähnlich sahen. »Warum hat mir niemand mitgeteilt, dass Sie auf dem Weg zu mir sind?«, fauchte ich, immer noch außer mir vor Zorn über seine herabsetzende Bemerkung.

»Weil niemand, nicht einmal Ms Belcott, davon weiß«, sagte er schließlich.

»Warum? Ich dachte, dies wäre ein offizielles Forschungsprojekt der Shifter Cops«, gab ich zurück und merkte, wie sich meine Stirn in hässliche Falten legte. Fidel neben mir gab ein leises Knurren von sich, als er meine Irritation spürte. Ich legte den Finger auf die Lippen und schaute ihm kurz in die braunen Augen, bevor ich mich wieder Professor Lenoire zuwandte. »Wir sollten ihr Gepäck hereinholen. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Lassen Sie uns noch einmal von vorne anfangen. Einverstanden?«

Er überlegte nicht lange. »Okay. Haben Sie die Bestie im Griff?«

»Selbstverständlich«, sagte ich und nickte Fidel zu, der daraufhin Stellung hinter mir statt neben mir bezog. Er hat seine Marotten, aber er weiß genau, wann Nicht-Hören keine Option ist. Ich musste lächeln, als Professor Lenoire langsam rückwärts ging, ohne den Hund und mich aus den Augen zu lassen. »Ich gehe schon mal vor«, rief ich ihm zu und überließ es ihm, den Koffer hereinzuholen. Hatte er sein halbes Labor mit nach Deutschland gebracht oder transportierte er in dem mannshohen Ungetüm eine Leiche?

Kurze Zeit später saßen wir am Esszimmertisch. Ich schenkte ihm eine Tasse Kaffee ein. Lenoire sah aus, als könne er einen Schuss Koffein gebrauchen. Und eine Dusche. Er stank nicht, aber er sah aus, als hätte er in seinen Kleidern geschlafen. Während er trank nahm ich mir die Zeit, ihn genauer zu mustern. Er hatte tatsächlich etwas von Indiana Jones, um die Augen und den Mund herum, aber von Gandalf keine Spur. Dazu war er einfach nicht alt genug. Ich schätzte, dass er maximal 38 Jahre alt war, eher ein wenig jünger. Er hatte eine vorspringende Nase und ein kantiges Kinn, was ihm zusammen mit der müden Eleganz seiner Bewegungen die Ausstrahlung einer blaublütigen Katze verlieh.

»Jetzt erzählen Sie mir erst einmal, was los ist«, verlangte ich. »Haben Sie Hunger? Ich könnte Ihnen etwas zu essen machen, während Sie mir sagen, warum Sie so überraschend bei mir aufgetaucht sind.« Mir ging kurz der Gedanke durch den Kopf, Catherine von seiner Anwesenheit zu informieren. Ich weiß nicht, was es war, das mich davon abhielt, aber ich tat es nicht, sondern kochte ihm eine ordentliche Portion Vollkornspaghetti mit Garnelen in Tomatensauce. Das Kochen war aus mehreren Gründen nützlich. Es beruhigte mich und gab Lenore Gelegenheit, mir seine Geschichte zu erzählen, ohne sich dabei beobachtet zu fühlen. Das Schnippeln und Rühren lenkte außerdem meinen Hund ab, der für einen Happen bereit war, die Anwesenheit des Raubkatzenwandlers fürs Erste zu ignorieren.

Lenoire machte es sich auf einem Hocker an meiner Esstheke bequem und schenkte sich unaufgefordert den nächsten Kaffee ein. »Es ist eine komplizierte Geschichte«, begann er.

Ich schnaubte, was mir einen irritierten Blick eintrug. »Das hat Ihre Schwester auch gesagt, bevor sie mir die Geschichte von den Doppelmorden in Mandeville erzählte.« Ich zuckte mit den Achseln und wandte meine Aufmerksamkeit den Tomaten zu. Ich schnitt sie kreuzweise ein und tat so, als wäre ich nicht wahnsinnig gespannt auf seine Story.

»Sie fragen sich bestimmt, warum ich hier bin.« Ich rollte die Augen gen Himmel. In seinen Emails war er ausgesprochen wortkarg gewesen. Warum redete er jetzt um den heißen Brei herum? »Wenn ich ehrlich sein soll, hat Kaja mir geraten, mit Ihnen zu sprechen. Sie sagte, Sie wären eine gute Zuhörerin.« Ich sagte nichts, um seinen Gedankengang nicht zu unterbrechen. »Wie Sie wissen, war es unsere eigentliche Absicht, die Wahrheit hinter den Romanen und Geschichten unter die Lupe zu nehmen, in denen paranormale Wesen auftauchen. Ursprünglich sollte ich unter dem Deckmantel von Journalisten Interviews mit den Verfassern der Geschichten führen, und Ihre Aufgabe wäre es gewesen, das Gespräch zu protokollieren.«

Dieses Detail hatte weder er noch Catherine erwähnt. Er musste mir die Anspannung angesehen haben, denn Lenoire setzte schnell nach: »Das hat nichts mit Ihrer Qualifikation als Autorin zu tun. Vergessen Sie nicht, dass wir in die Vergangenheit reisen und damit vornehmlich in Zeiten, die mit Gleichberechtigung nichts zu schaffen hatten.«

»Das verstehe ich«, gab ich zu, konnte aber den mürrischen Tonfall nicht ganz unterdrücken. »Was mich jedoch verwirrt, ist etwas anderes. Zuerst sprachen Sie von den Zeitreisen in der Vergangenheit. In Ihrem letzten Satz benutzen Sie die Gegenwartsform, ganz so, als würden wir immer noch springen.« Bei meinen letzten Worten drehte ich mich um und sah ihm direkt in die Augen. »Wie kann das sein, wenn niemand weiß, dass Sie hier sind?«

»Kaja hatte recht. Sie sind intelligent.« Er seufzte. Ich bezwang den Drang, ihn zu ohrfeigen und ihm zu sagen, was ich von seiner herablassenden Feststellung hielt. Die mittlerweile garen Spaghetti servierte ich ihm nicht gerade mit meinem freundlichsten Gesichtsausdruck. Doch als ich sah, wie ausgehungert er das Essen in sich hineinschlang, wurde mein Herz weicher. Ein bisschen. »Um es kurz zu machen: Wir werden reisen, oder springen, wie Sie es nennen. Es ist wichtiger denn je.« Er trank einen Schluck von seinem Kaffee, der mittlerweile kalt sein musste, und verzog das Gesicht. »Man hat mein Labor niedergebrannt und versucht, mich zu entführen. Ich konnte entkommen.« Meine Augen flogen zu seinem Koffer. Er verstand mich sofort, ohne dass ich auch nur ein Wort sagen musste. »Ich hatte ein paar Utensilien bei mir zuhause untergebracht. Mir blieb gerade noch genug Zeit, die wichtigsten Dinge einzupacken, bevor mein Flieger nach Düsseldorf ging.«

»Wissen Sie, wer hinter dem Überfall steckt?« Mein Mund war trocken, und mir wurde kalt. Ich lebte allein mit meinem Hund, aber ich hatte Eltern, einen Bruder und Freunde, die durch seine Anwesenheit in Gefahr geraten konnten. Wenn ich eines während meiner Chronisten-Tätigkeit für die Shifter Cops gelernt hatte, dann war es dies: Niemals die Feinde der paranormalen Polizei zu unterschätzen.

»Nein.« Er log mich an, ich wusste es einfach. »Ich habe einen Verdacht«, korrigierte sich Lenoire widerwillig, als ich die Arme vor der Brust verschränkte. »Und um den zu bestätigen, muss ich mit Ihnen ins Jahr 1889 reisen.«

In meinem Kopf überschlugen sich die Möglichkeiten. Welche bedeutenden Werke, in denen ein übernatürliches Wesen auftrat, waren 1889 entstanden oder spielten in diesem Jahr? Vergeblich zermarterte ich mir den Kopf. Alles, was mir einfiel war die Tatsache, dass Jean Cocteau in diesem Jahr das Licht der Welt erblickte und es das Todesjahr von Wilkie Collins gewesen war. Das alles fühlte sich nicht richtig an. Ich übersah etwas. Aber was? Ich schaute hinunter zu Fidel, der friedlich auf der Fußmatte vor der Terrassentür eingeschlafen war. Er knurrte und japste im Traum, und seine riesigen Pfoten zuckten. Und dann wusste ich es. Ich hielt den Atem an. »Dartmoor«, flüsterte ich und schaffte es nicht, die Erregung hinter einem sachlichen Tonfall, wie er der Chronistin wohl angemessen gewesen wäre, zu verbergen.

Lenoire nickte. »Sie haben es erfasst. Wir werden uns auf die Spur des berühmtesten Höllenhundes aller Zeiten setzen.«

Ich konnte mein Glück kaum fassen. Nicht mehr lange, und ich wandelte auf den Spuren des berühmtesten Detektivs aller Zeiten. Ich würde mit eigenen Augen sehen, was es wirklich mit dem Hund der Baskervilles auf sich hatte.

Fortsetzung folgt…

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