Wolfsspur: Kapitel 2

Wolfsspur: Ein Zeitreise Abenteuer für die Shifter Cops
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Kapitel 2

Meine Freude darüber, meinem Lieblingsdetektiv bei der Arbeit zuschauen zu dürfen, verflüchtigte sich so schnell, wie sie gekommen war. Lenoire schob seinen wie geleckt wirkenden Teller zu mir und erhob sich. »Wir müssen uns so schnell wie möglich auf den Weg machen. Ich glaube zwar, dass ich meine Verfolger abgehängt habe, aber je schneller wir das Rätsel lösen, desto besser.«

»Dazu sollte ich erst einmal wissen, was genau wir eigentlich untersuchen«, protestierte ich. Ohne es zu wollen, nahm ich sein Geschirr und räumte es in die Spülmaschine. »Außerdem habe ich noch einen Abgabetermin, den ich einhalten muss. Ich kann nicht einfach alles stehen- und liegenlassen, nur weil Sie glauben, dass ich Ihnen nützlich sein werde. Und was ist mit Fidel?« Ich deutete auf meinen Hund. »Ich muss ihn irgendwo unterbringen, wo er gut versorgt wird.«

Er verzog den Mund zu einem verächtlichen Lächeln. Kann dieser dumme Hund sich nicht allein versorgen? Die Frage stand ihm überdeutlich ins Gesicht geschrieben, und das war es, was mich doch noch die Geduld verlieren ließ. Ich würde gerne sagen, dass ich mit einem eleganten Sprung über die Esstheke hinwegsetzte, ihn packte und samt Gepäck hinausbeförderte, aber das entspricht nicht den Tatsachen. Mit meinen knapp 1,60 m Körpergröße und nicht einmal annähernd der Geschmeidigkeit eines Gestaltwandlers musste ich mich damit begnügen, die Theke zu umrunden und Lenoires Arm zu packen. Fidel war aufgesprungen und stand sprungbereit neben mir. Er schaute mich an, als wolle er mir dazu gratulieren, endlich meinen Verstand wiedergefunden zu haben. »Raus hier«, befahl ich dem Pantherwandler. »Ich habe endgültig genug von Ihnen. Sie kommen hierher, stellen Forderungen, essen meine Nudeln, beleidigen meinen Hund und haben noch nicht einmal die Güte, mir etwas zu erklären. Raus«, wiederholte ich noch einmal. Eine bange Sekunde lang zerrte ich vergeblich an ihm. Die stahlharten Muskeln in seinem Arm machten mir deutlicher als jedes Wort, dass er mir körperlich überlegen war. Fidels Knurren hinter mir wurde lauter und tiefer. »Still, Junge«, sagte ich, aber er wurde nicht leiser. Im Gegenteil, er wurde lauter und bellte einmal warnend. Ich drehte mich um und sah, dass er nicht Professor Lenoire fixierte, sondern hinaus in den Garten starrte. Mittlerweile stand er stocksteif da, mit hoch erhobener Rute und gesträubtem Nackenfell. »Was zum Teufel…«, sagte ich und kniff die Augen zusammen. Auch Lenoire schaute hinaus. Und dann sah ich sie: Zwei Männer in Tarnkleidung, die über die mannshohe Gartenmauer kletterten.

»Verdammt«, fluchte der Pantherwandler. »Schnell. Wir brauchen ein Zimmer, möglichste weit oben, das man abschließen kann.« Ich sah noch einmal zu den Eindringlingen hinüber. Einer von Ihnen zog eine Waffe und richtete sie auf uns. Das gab den Ausschlag. »Komm, Fidel«, sagte ich und betete, dass er auf mich hörte und nicht glaubte, mich verteidigen zu müssen. »Dachboden«, erklärte ich Lenoire und rannte voraus. Seine Schritte waren auf der Holztreppe kaum zu hören, aber dafür klang das Tapsen von Fidels dicken Pfoten wie Musik in meinen Ohren. Wir spurteten nach oben. In dem Augenblick, in dem ich die Tür des Dachbodens hinter uns schloss, hörte ich Glas splittern. Erst jetzt fiel mir auf, dass es von hier oben keinen Ausweg mehr gab.

Wir saßen wie die Ratten in der Falle.

»Kommen Sie her«, befahl Lenoire und streckte die Hand nach mir aus. »Wir werden jetzt springen.« Er zog etwas aus der hinteren Tasche seiner schwarzen Jeans, das wie ein ganz gewöhnlicher Blister mit Tabletten aussah.

»Ich dachte«, fing ich an, aber er schüttelte den Kopf.

»Sie wirken besser als ein Spritze und sind leichter zu transportieren. Hier«, er reichte mir eine kleine grüne Pille. »Legen Sie sie unter ihre Zunge und halten Sie sich an mir fest.«

»Was ist mit Fidel?«, verlangte ich zu wissen. Da kamen Männer die Treppe hinauf, mehr als die zwei, die ich im Garten gesehen hatte, und sie gaben sich keine Mühe, ihre Anwesenheit zu verbergen. »Ich werde ihn nicht hierlassen. Auf gar keinen Fall.« Ich streckte meine Hand nach Fidel aus und schloss sie um sein Halsband. Lenoire und ich starrten einander an.

Ein dumpfer Knall ertönte an der Tür. Fidel verharrte an meiner Seite. Mein Herz raste wie verrückt. Lenoire senkte die Lider und streckte die Hand mit der Tablette weiterhin aus. »Sie sind total verrückt. Aber gut. Mir bleibt wohl keine andere Wahl.« Er legte sich selbst eine Pille unter die Zunge. »Halten Sie Ihren Hund fest. Nicht loslassen«, warnte er mich, und endlich tat ich es ihm gleich und deponierte die kleine flache Pille unter meiner Zunge. Ich fiel neben Fidel auf die Knie und schlang die Arme um ihn. Seine braunen Augen fanden meine. Er sah mich so vertrauensvoll an, dass mir die Tränen in die Augen traten und sich ein Klumpen in meinem Hals formte. Er war so sicher, dass ihm an meiner Seite niemand jemals wehtun würde!

Ich merkte noch, wie Lenoire neben mir niedersank und seine Arme um meinen Hund und mich schlang. Dann begann die Welt zu verschwimmen. Bunte Wirbel tauchten vor meinen Augen auf, und jemand oder etwas versuchte, mich aus Lenoires Griff und Fidel aus meinem zu reißen. Mein Hund stieß einen hohen Jammerlaut aus, der mir durch Mark und Bein ging, und gerade als ich glaubte, ich könne ihn nicht mehr halten, ließ der Druck nach. Die Farben verblassten. Der Geruch nach Verbranntem, der die Luft bislang erfüllt hatte, wich etwas Schwerem, Erdigen.

Die Landung tat weh, aber das war mir egal. Lenoire, Fidel und ich fielen in einem Knäuel aus Gliedmaßen und Pfoten auf einen steinigen Boden. Ich schrie leise auf, als sich ein spitzer Stein in meinen Rücken bohrte, und sofort legte sich eine große, männliche Hand auf meinen Mund. Ich schüttelte sie ab und begann, in der Dunkelheit nach Fidel zu tasten. »Komm, großer Junge«, flüsterte ich, und da war er auch schon. Seine feuchte Hundenase stupste mich an. Die Erleichterung darüber, dass er immer noch bei mir war, ließ mir die Knie weich werden. Wir waren zusammen, das war die Hauptsache. Ich hatte ihn nicht dem Überfallkommando überlassen. Gut, wir waren über ein Jahrhundert in der Zeit zurück gesprungen, immer vorausgesetzt, dem Professor war kein Fehler in der Dosierung unterlaufen, aber das würden wir schaffen.

Ich setzte mich aufrecht hin und fühlte Fidels warmen, felligen Körper an meiner rechten Seite. Links von mir kauerte sich Lenoire auf den Boden. Er rieb sich die Augen, soviel konnte ich in der Dunkelheit ausmachen. »Sind wir wirklich im Jahr 1889?«, fragte ich flüsternd. »Und in Dartmoor?«

»Sicher. Ich irre mich nie«, entgegnete er.

»Und was ist mit den Verfolgern, die Sie angeblich abgeschüttelt haben?« Ich schloss die Augen unter dem Ansturm der Gedanken, die mit einem Mal meinen Kopf erfüllten. Was war mit meiner Wohnung? Mit meiner Familie? Ich war verschwunden. Würde die Polizei Nachforschungen anstellen? Und wie sollten wir zurückkommen? »Haben Sie wenigstens eine Taschenlampe dabei? Und Geld, damit wir etwas zum Anziehen kaufen können?«

»Die Ereignisse haben mich ebenso überrascht wie Sie«, entgegnete mir seine Stimme aus der Dunkelheit. »Und selbst wenn ich eine Taschenlampe dabei hätte, würde ich sie nicht benutzen. Stellen Sie sich vor, was geschehen kann, wenn sie jemandem in die Finger fällt. Nein, wir müssen alles vermeiden, was uns als Zeitreisende kennzeichnet.«

»Womit wir wieder bei meiner zweiten Frage wären«, sagte ich. »Um nicht aufzufallen, benötigen wir die passende Kleidung. Woher sollen wir sie ohne Geld bekommen?«

»Wir müssen improvisieren«, entgegnete Lenoire.

»Ich hätte nicht gedacht, dass Sie der Typ sind für spontane Aktionen.«

»Das bin ich auch nicht, aber ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.« Entdeckte ich da etwa eine Spur Selbstironie in seiner Stimme? Wenn er nicht gerade den arroganten Besserwisser heraushängen ließ, war er mir fast sympathisch. Ich fühlte, wie Fidel sich neben mir ausstreckte, und entspannte mich ebenfalls ein wenig.

»Wollen Sie mir nicht erzählen, was passiert ist? Ich möchte nicht anmaßend sein, aber ich denke, ich habe die Wahrheit verdient.« Mehr sagte ich nicht. Ich hoffte, dass er vernünftigen Argumenten zugänglich war. Und tatsächlich, nach einer Zeit, die mir unendlich lang erschien, gab er nach. Endlich!

»Vor Tagesanbruch können wir ohnehin nichts erreichen«, begann er. »Ich möchte nicht im Moor versinken, also … wo soll ich anffangen?«

»Das Problem kenne ich«, warf ich ein. »Der Anfang ist immer am schwersten. Ich kann Ihnen Fragen stellen, wenn das hilft, und sie auf diese Weise in die richtige Richtung lenken.«

»Dies ist keines ihrer albernen Romanprojekte, wie die Geschichte, die Kaja Ihnen erzählt hat«, stieß er dumpf hervor. »Das ist die Realität.«

»Umso wichtiger ist es, dass sie mich endlich einweihen. Und außerdem bin ich die Sherlock Holmes Expertin. Schon vergessen?«

»Wie könnte ich«, murmelte er. »Also gut. Es fing alles damit an, dass einer unserer Bibliothekare dem Shifter Rat den Floh ins Ohr setzte, dass wir mehr über unsere Vergangenheit, insbesondere über die Entstehung der Shifter Cops, erfahren müssten. Er meinte, wir könnten aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Sein Vorschlag traf zufälligerweise mit der Entwicklung meines Serums zusammen, und der Rat beschloss, es auf einen Versuch ankommen zu lassen.«

»Warum hat man nicht diesen Bibliothekar mit Ihnen in die Vergangenheit geschickt?«, wollte ich wissen.

»Er ist verstorben«, sagte Lenoire. »Das war vor fünf Jahren. Und da Sie Ihre Arbeit als Chronistin gut gemacht haben und sich außerdem mit Literatur auskennen, brachte Catherine Ihren Namen ins Spiel. Ich war von Anfang an dagegen«, versicherte er mir.

»Selbstverständlich«, erwiderte ich trocken.

»Wie dem auch sei. Vor etwa drei Monaten begannen die … Unfälle in meinem Labor. Untersuchungsergebnisse waren nicht mehr aufzufinden, Chemikalien explodierten ohne Grund, und einer meiner Mitarbeiter verschwand spurlos.« Sein Tonfall hatte sich kaum merklich verändert, aber ich hörte, wie seine Stimme zitterte. »Ich hatte bereits vorher damit angefangen, Sicherheitskopien anzulegen, aber als James nicht mehr auftauchte, war ich sicher, dass irgendjemand unser Unternehmen sabotierte.«

»Und worin genau bestand dieses Unternehmen? Catherine ist ziemlich vage geblieben, was die eigentlichen Ziele angeht.« Ihm machte das Verschwinden von James sehr zu schaffen, ich hörte es, und ich wollte nicht riskieren, dass er hier in der Einöde von Dartmoor einen hysterischen Anfall bekam. Ich kannte ihn nicht gut genug, um abschätzen zu können, wie stressresistent er war. Ein angespannter Gestaltwandler, der sich nicht unter Kontrolle hatte, war das Letzte, was ich brauchte.

»Es gibt deutliche Hinweise, dass es sich beim Hund von Baskerville um einen Werwolf handeln könnte.«

»Ja und? Wolfswandler und andere Kreaturen hat es doch schon immer gegeben«, sagte ich nachdenklich. »Dieser Verdacht hat nichts mit der Existenz einer paranormalen Polizei-Einheit zu tun.« Ich überlegte, bevor ich meinen nächste Frage formulierte. »Und warum sollte irgendjemand Interesse haben, Ihre Nachforschungen zu unterbinden?«

»Unsere«, verbesserte er mich und rief mir ins Gedächtnis, dass wohl das Motto mitgefangen, mitgehangen galt. »Lassen Sie mich der Reihe nach erzählen. Zuerst einmal ist der Hund von Baskerville…«

Ich hielt es nicht mehr aus. »Es heißt Hund der Baskervilles, nicht von. Das ist die angemessen Übersetzung. Bei den Baskervilles handelt es sich um eine Familie, nicht etwa um einen Ort.«

»…ist der Hund der Baskervilles nicht das einzige Werwesen, dessen Existenz wir verifizieren wollen.«

»Oh«, stieß ich hervor und setzte mich auf, was mir ein genervtes Grunzen meines Hundes eintrug, der es sich mit dem Kopf in meinem Schoß bequem gemacht hatte. »Ich wusste es«, frohlockte ich. »Sherlock Holmes war ebenfalls ein Gestaltwandler. Was war er? Nein, sagen Sie nichts. Er war …«

Fortsetzung folgt…

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